Vor Freiberg war es schwer

Von Christoph Brühl

Dem Spottlied des Schenkwirtes im Volksstück „Der Retter“ liegt ein beachtenswerter historischer Fakt zugrunde: Die zweimalige erfolglose Belagerung der Berg- und Silberstadt Freiberg. Diese ging der im Frühjahr des Jahres 1639 erfolgten Belagerung und Eroberung Pirnas durch ein schwedisches Heer unter Feldmarschall Johann Banér unmittelbar voraus und gestattet einige Parallelen.

Die Stadt Freiberg als Zentrum des sächsischen Bergbaus erlebte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nach reichen Erzfunden in Altenberg, Schneeberg und Annaberg einen erneuten wirtschaftlichen Aufschwung. Handel, Gewerbe, Kunst und Wissenschaft blühten in nie gekanntem Maße auf. Freiberg entwickelte sich bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts zur größten Stadt Sachsens und besaß zu dieser Zeit mehr Bedeutung als Dresden und Leipzig. Wen will es verwundern, wenn diese reiche sächsische Stadt in besonderem Maße die Begehrlichkeiten des schwedischen Feldherren Banér auf sich zog, als er im Frühjahr des Jahres 1639 mit 13 000 Mann in Sachsen einfiel. Die Kaiserlichen unter Gallas hatte er schon Ende 1638 nach Böhmen und Schlesien zurückgedrängt. Sachsens Kurfürst Johann Georg I. hatte gegenüber den einfallenden Schweden über viel zu wenig Truppen, um sowohl seine bedrohten Stammlande als auch seine Neuerwerbungen in der Lausitz wirksam schützen zu können. Wenige Regimenter konzentrierte er zum Schutz der Landeshauptstadt Dresden und verteilte Truppen als oft nur schwache Besatzungen auf Städte und befestigte Plätze.

Der Einfall der Schweden in Sachsen liest sich in Möllers Freybergischen Annales aus dem Jahre 1653 dann wie folgt: „Den 5. Februarii hat der Schwedische GeneralFeldmarschall Hans Banner / (nachdem er sich aus Pommern eilends erhoben / und durch das Lüneburgische Land den Paß ungehindert erhalten) die Stadt Halla durch accord eingenommen / und von daraus mit geschwindem gewaltsamen Marsche / und gleichsam im Fluge / des Nieder-Meißnischen Kreises / und der Stiffter Merseburg / Naumburg und Zeitz sich bemächtiget / auch den Keyserlicehn GeneralFeldZeugmeister von Salis / und dessen Völker bey Plauen unversehens überfallen / geschlagen / und ihn sambt denen meisten Officirern selbst gefangen bekommen / daher sich newe Furcht und Schrecken bey dem Landvolcke ereignet / und ist diese Zeit viel Flehens in die Stadt Freybergk geschehen / es haben auch die Keyserlichen und ChurSächsischen Völker ihre reterada (Rückzug) dieser Orten gesuchet / und den armen Leuten noch mehr Angst und Bekümmernüs verursachet.“

Der Vormarsch der Schweden ging weiter ohne nennenswerten Widerstand vonstatten. Am 24. Februar 1639 zogen sich die verbliebenen Kaiserlichen und Kursächsischen aus der Gegend um Mittweida und Waldheim in Richtung Dresden zurück. Zu gleicher Zeit hat Banér die Stadt Zwickau durch „gütlichen accord“ in seine Gewalt bekommen und ist unverzüglich vor die Stadt Chemnitz gerückt, die ebenso keine Anstalten zu einer ernsthaften Verteidigung machte und am 26. Februar dem Gegner die Tore öffnete. In letzter Minute reagierte der sächsische Kurfürst und schickte unter starker Bedeckung den „Obersten Leutnant Andreas von Haubitz mit vier Companien Trajonern und etlichen Munitionswägen nach Freybergk“. Der Feind stand auch schon kaum zwei Meilen vor der Stadt. Was folgte, war eine förmliche Belagerung der wehrhaften Stadt. Diese war mit einer dreifachen Ringmauer, mit Graben und Wall ausgestattet, hatte 18 Außenwerke, zehn Festungstürme und die Burg Freudenstein im System ihrer Fortifikationen. Fünf wohlverwahrte Stadttore waren zu verteidigen.

Vom 2. bis zum 20. März, also über zwei Wochen, blockierten die schwedischen Truppen die Stadt und versuchten, ihrer habhaft zu werden. Über 7 000 Menschen, darunter viele Flüchtlinge aus den umliegenden Ortschaften und zahlreiche Bergleute aus der Region, waren in Freiberg eingeschlossen. Neben der Besatzung nahmen auch viele der eingeschlossenen Bürger aktiv an der Verteidigung teil: „Die Bergleute sind von BergBeampten im Kauffhause versamlet worden / und hat man dieselben / wie auch die eingeflehete Mannschafft an Land und Bawersvolcke in gewisse Rotten abgetheilet / sie mit Picquen / kurzen Wehren / und Morgensternen bewehret / und bald hierher / bald dorthin / nach erforderung der noth / angeführet.“ So liest es sich in den benannten Freybergischen Annales. Vieles, das die Chronik Freibergs berichtet, ist in ähnlicher Form auch für die spätere Belagerung Pirnas aufgezeichnet.

Störend für die Verteidiger und willkommen für die Angreifer waren die Häuser und sonstigen Bauten der Vorstädte, die oft bis dicht an Mauern und Toren herangebaut waren. Sie boten den Angreifern Schutz vor den Kugeln der Verteidiger. Anders als in Pirna, wo Liebenau auf kurfürstlichen Befehl bei Annäherung der Schweden „die nächsten Häuser in den Vorstädten auf 50 Schuh im Umkreise vom Stadtgraben“ niederbrennen ließ, war offensichtlich in Freiberg die Zeit zu knapp. So blieb es fast täglichen, gefährlichen Ausfällen einiger Wagemutiger vorbehalten, einzelne Bauten durch Pechkränze in Brand zu setzen. Überhaupt waren neben einem steten Feuer aus Musketen, Wallbüchsen und Geschützen Ausfälle die einzige Möglichkeit zu einer aktiven Verteidigung. Die Freiberger haben von solchen Ausfällen offensichtlich regen Gebrauch gemacht. Da das Überraschungsmoment auf ihrer Seite war, waren diese, darf man der Chronik glauben, fast immer von Erfolg gekrönt. Meist wurden Gefangene eingebracht, gelang dies nicht, wurde der angetroffenen Gegner niedergemacht. Die Schanzen und Gräben des Gegners wurden zerstört oder eben störende Baulichkeiten abgebrannt.

Dem Aufstellen der furchteinflößenden Kartaunen und Regimentsstücke und den sonstigen Vorbereitungen zum Sturm, wie Flechten von Schanzkörben, Zurichten von Handgranaten und anderem Feuerwerk und Vorbereiten von Sturmleitern folgte nochmals die formale Aufforderung zur Übergabe der belagerten Stadt. Dazu schickten man einen Trommelschläger und einen höhere Offizier an eines der Tore. An die fünf Mal hat Banér dies in der Zeit der Belagerung Freibergs getan. Ohne Erfolg, und jedes Mal bekam er die passende Antwort auf sein Ansinnen. Der nachfolgende starke Beschuss muss schon beängstigend für die Eingeschlossenen gewesen sein. Nur wenige Todesmutige wagten es, die entstandenen Breschen schnell wieder zu schließen. Der Ansturm der Schweden auf Mauern, Türme und Tore erforderte aber auch einen hohen Tribut an Menschenleben. So sind bei dem erfolglosen Sturm am Nachmittag des 19. März auf eine Bresche in der Ringmauer viele der über tausend Anstürmenden tot auf dem Kampfplatz zurückgeblieben. Die gezielten Salven der Verteidiger verfehlten ihre Ziele nicht. Ein besonders schmerzlicher Verlust für Banér muss dabei der Tod des Anführers der angreifenden Schweden gewesen sein: Es war dies ein gewisser Oberst Magnus Hansohn, „des Banérs Schwester Sohn“, also sein leiblicher Neffe. Die Chronik berichtet: „… nachdem er (Hansohn) auff der Leiter kaum zur Presse hinein gegucket, geschwinde einen Schoß durch den Kopf bekommen und abgestürtzet worden …“ Der Leichnam des besagten schwedischen Obersten Hansohn ist zuerst von den Freibergern trotz ausdrücklicher Aufforderung Banérs nicht herausgegeben worden. Erst später wurde er gegen den des toten Kommandanten Andreas von Haubitz ausgetauscht. Die einbalsamierte Leiche wurde am 5. Juni 1639 in der Stadtkirche St. Marien zu Pirna neben einer Anzahl weiterer gefallener schwedischer Offiziere beigesetzt.
Vor Freiberg, berichtet die Chronik, traf Banérs Heer noch ein besonderes Missgeschick: Nach schweren Verlusten beim erfolglosen Sturm auf die Mauern wurden weitere 200 Artilleristen Opfer einer schweren Explosion in einem Artilleriedepot. Auf engem Raum waren in zwei nahegelegnen Bauerngütern zahlreiche Pulverwagen und allerlei Artilleriegerätschaft zusammen gebracht worden. Durch Unachtsamkeit beim Umgang mit Feuer wurde die Katastrophe ausgelöst. Auch wird berichtet, dass durch den ununterbrochenen Gebrauch eine ganze Reihe von Belagerungsgeschützen durch Überhitzung zersprungen ist.

Verständlich Banérs Zorn, als er bei der Annäherung von 8 000 Kaiserlichen und Kursächsischen unter Zurücklassung von über 1 000 Toten, darunter vielen hohen Offizieren, diese erste Belagerung Freibergs am 20. März 1639 aufgeben musste. Aber das Kriegsglück wendete sich schnell. Schon am 4. April 1639 siegte er wieder in der Schlacht bei Chemnitz und näherte sich erneut Freiberg. Der Kommandant von Haubitz ließ diesmal die Reste der Vorstädte rechtzeitig niederbrennen und traf alle Anstalten zu einer abermaligen Verteidigung Freibergs. Diesmal dauerte die Belagerung der Stadt durch das auf 20 000 Mann angewachsene schwedische Heer nur vom 10. bis zum 15. April. Beschießung und Ausfälle der Verteidiger wechselten und an besagtem 15. April hieß die Marschrichtung Böhmen mit dem Zwischenziel Pirna. Hier wollte man zu rascherem Erfolge kommen, als vor Freiberg.

„Viel Tode nur und Wunden, hat Euer Heer gefunden. Das ärgert Euch gar sehr, torum, torum, Banér!“ – Damit wären wir wieder bei besagtem Spottlied des Schenkwirts.

Quellen:
Chronik der Stadt Freiberg, A. Möller, Freiberg 1653
Zur Geschichte der Stadt Pirna im dreißigjährigen Krieg, Oskar Speck, Pirna 1889